Die Eingeweide der Welt - Ştefan Augustin Doinaş
added by: Christian1951

Bei der Beerdigung meines Freundes, dem Arzt,
irgendwo in den Westkarpaten,
machte ich mit den Eingeweiden der Welt Bekannt-schaft.
Der Hof und die Straßen waren voll von Dörflern
in Pelzmänteln und Bauernhosen, die die letzte Ehre
erwiesen. Verloren in jener Bauern-schaft,
die mit mannhaft unterdrückten Tränen dem Totenamt
lauschte,
fühlte ich mich wie ein Gefäß, gefüllt mit schmerzlicher
Gnade, randvoll mit der umfassenden Frage,
die die Kirchensänger aufwarfen:
Herr, welch ein Geheimnis
ist dies?...
Ich ahnte keineswegs, dass das Leid tiefer sein kann
als die Bibelverse
des Ecclesiastes. Doch sieh, dass über die Bibelworte,
leise gemurmelt von den Scharen
einfacher Menschen, sich plötzlich ergoss die Dorffanfa-re
wie ein Wasserfall.
Was kann wohl der Vers aus der Mitte meines Gedichts
als Beweis euch bieten?
Als ob alle offenen Himmelsposaunen in den Hof
herabgestiegen wären.
Ich dachte, dass mich jemand zerfetzt mit jedem Brül-len,
das dem Blech entsprang
und dass die wilde, düster-helle Klangschar
die letzte Grenze sei.
Aber oh je! bitter habe ich mich getäuscht. Als der
Leichenzug zum Marktplatz kam,
die vier Rettungswagensirenen, wie auf ein Zeichen
aus dem Jenseits,
schwenkten das unterste Segel, Finsternis Gespinst
der Tage,
den Tränenkies des Seins, dem wir uns anvertrauen,
und uns selber loswerden an das Mitleid.
Die Eingeweide der Welt wurden wahr, jenseits jeder
Musik, wie der Donner, durch den du dich tummelst.
Nur Du, wie ein unsichtbarer Vogel... Herr, wie gut
dass du uns taub geschaffen hast!



Translator: Christian W. Schenk

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